01 – Detten


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Create Date 16. January 2018
Last Updated 16. January 2018
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In früheren Zeiten waren die deutschen Forstwissenschaften so etwas wie ein Gütesiegel, das in aller Welt Ansehen genoss. Entwicklungen der letzten Jahre jedoch zeigen, dass die deutschen Forstwissenschaften im weltweiten Vergleich inmitten einer Umbruchsituation stehen, die sich insbesondere mit Blick auf die Fachsprache offenbart. Davon zeugen sowohl das Sterben traditionsreicher forstwissenschaftlicher Fachzeitschriften, das seit einigen Jahren zu beobachten ist, wie auch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die zu Diskussionen über die Beibehaltung der klassischen forstlichen Hochschulausbildung geführt haben. Diese und andere zu beobachtende Phänomene sind Teil eines weltweit zu beobachtenden Trends, der die Muttersprachen zugunsten der lingua franca Englisch in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre mehr und mehr zu einer Randerscheinung werden lässt. Die Rolle des Deutschen in den Forstwissenschaften – so die These – wandelt sich derzeit fundamental – und wirft die Frage auf, wie man sich aus fachlicher Seite zum Trend der Anglisierung stellen kann und soll.

Der Beitrag diskutiert die Frage im Hinblick auf die generelle Funktion von (Fach)Sprache in den Wissenschaften, insbesondere hinsichtlich der besonderen Bedeutung im Forschungs- bzw. Erkenntnisprozess, im gesellschaftspolitischen Diskurs und in der Lehre. Hier zeigt sich, dass neben der Funktion als „Informationsträger“ andere Eigenschaften der Sprache zum Tragen kommen – etwa die Funktion des Wissens- und Diskursspeichers, des Austauschmediums im Rahmen gesellschaftspolitischer Diskurse und die integrale Funktion als Medium, in welchem sich kreative und Erkenntnis- und Theoriebildung abspielt, die immer auch an fachhistorische Diskurse anschließt. In diesem Zusammenhang wird herausgearbeitet, wie eng Sprache und wissenschaftlicher Prozess verbunden sind und welch signifikante Rolle der Muttersprache bezüglich des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses sowie bezüglich einer pluralistischen Wissenschaft zukommt. Hinter dem Pluralismus wissenschaftlicher Theorien, Schulen, Forschungs- und Denktraditionen lässt sich der Pluralismus von Sprachtraditionen erkennen – und Pluralismus darf als Zeichen vitaler und produktiver Wissenschaften gelten. Der Beitrag argumentiert in diesem Zusammenhang, dass die Vormachtstellung einer einzelnen Sprachtradition sehr häufig mit einer Entwertung anderer verbunden ist.

Darüber hinaus wird die notwendige Interaktion zwischen Forschung und Praxis durch sprachliche Barrieren verhindert: Wenn aber die Wissenschaftssprache ihren Ort und Gebrauch in der Muttersprache einbüßt, wird sie zur Fremdsprache und die Kluft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wir breiter – mit fatalen Auswirkungen gerade für kleinere, anwendungsbezogene Fachbereiche wie die Forstwissenschaften.

Eine Vielzahl gewichtiger Argumente spricht mithin dafür, Deutsch als Wissenschaftssprache im Rahmen der mitteleuropäischen Forstwissenschaften zu erhalten: sowohl mit Blick auf das wissenschaftliche Publikationssystem, als auch hinsichtlich der universitären Lehre kann der forstwissenschaftliche Diskurs auf das Deutsche nicht verzichten.

Das Plädoyer für den Erhalt des Deutschen in den Forstwissenschaften geht freilich Hand in Hand mit einem Plädoyer für eine „qualifizierte Mehrsprachigkeit“, insbesondere in der universitären Lehre. Die fortschreitenden Globalisierung ist eine Realität und die Anglisierung ihre Konsequenz - doch es gilt, Kompetenzen im wissenschaftlichen Gebrauch der Muttersprache wie auch der lingua franca Englisch zu erwerben. Der Transfer zwischen Englisch und Deutsch sollte ein selbstverständlicher Teil der forstwissenschaftlichen Ausbildung werden. Qualifizierte Mehrsprachigkeit erweitert den Horizont der deutschen Forstwissenschaften, verbessert den transnationalen wissenschaftlichen Austausch und trägt zum Selbst-Bewusstsein bei – was bestimmt notwendig ist.

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