03 – Groß


TitelMittelwald als Agroforstsystem zwischen geordneter Nachhaltigkeit und Gestaltungsvielfalt1) – Eine historische Studie
AutorPATRIZIA GROß und WERNER KONOLD
HeftAFJZ 2010 - Heft 3&4
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Create Date9. May 2017
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Zusammenfassung

Historische Waldnutzungsformen wie die Mittelwaldwirtschaft oder die Waldweide erleben derzeit insbesondere auf Seiten des Naturschutzes eine Renaissance. Bei der Aufarbeitung forstlicher, von reiner Theorie und Praxisnähe gleichermaßen geprägter Waldbauliteratur des 19. Jahrhunderts zu Mittelwald und Waldweide zeigt sich eine ungeahnte Vielgestaltigkeit dieser beiden in Raum und Zeit dynamischen historischen Nutzungsformen. Mittelwald ist zunächst nichts weiter als eine Wirtschaftsform, bei der auf derselben Fläche Holz aus Stockausschlägen im 15- bis 30jährlichen Umtrieb und starkes Baumholz aus Kernwüchsen in langen Umtriebszeiten von 120 bis 150 Jahren produziert wird. Die dominierende Baumart des Oberholzes ist die Eiche, doch eignet sich grundsätzlich nahezu jede Baumart als Oberholz. Der Begriff „Mittelwald“ wurde im Jahre 1817 erstmals von Heinrich COTTA verwendet: Der „Mittel-Wald“ sei ein „Mittel-Ding“. Konzeptionell ist der Mittelwald ein Abkömmling der Niederwaldwirtschaft und des plenterartig bewirtschafteten Hochwaldes. Das Konzept ist sehr viel älter als der Begriff und besitzt viele Ausprägungen. Es hat keinen echten Anfang oder Ursprung und war wohl über sehr lange Zeit mit der Waldweide verbunden. Eine Vorstufe des Mittelwaldes entstand, als die für die Mast wichtigen Bäume geschont wurden. Der Übergang von der ungeregelten, ungeordneten Mittelwaldwirtschaft zur geregelten Wirtschaft vollzog sich über die Einführung des schlagweisen Hiebs. Als Blütezeit der Mittelwaldwirtschaft(en) gilt die Zeit von 1600 bis 1800. Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit der Umwandlung in Hochwald begonnen, also bevor der Name kreiert war.

Die forstlichen Autoren vertreten unterschiedliche Meinungen zum Thema Mittelwald: Die Stimmen reichen von genereller Ablehnung bis zur Befürwortung bei entsprechenden Nutzungsanforderungen und natürlichen Voraussetzungen und kontinuierlicher Beachtung der Besonderheiten des Mittelwaldbetriebes. Auf der einen Seite wird versucht, den Schwierigkeiten der Mittelwaldbewirtschaftung mittels strikter, schematischer Behandlungsvorgaben zu begegnen. Am Einzelbestand waren diese Behandlungsvorgaben aufgrund des geforderten Detaillierungs- und Genauigkeitsgrades der Bestandesbeschreibung nicht in die Praxis umsetzbar. Die Kritiker dieser starren Modelle erklären das Versagen der Steuerungsinstrumente mit der Vielgestaltigkeit und dem Freiheitsdrang des Mittelwaldes. Die meisten Autoren stimmen darin überein, dass die Mittelwaldwirtschaft eine überaus intensive Form der Waldbewirtschaftung darstelle, die, sollte sie ertragreich und nachhaltig sein, strengen Standortsbezug und Flexibilität erfordere. Hier bestehen Anschlussmöglichkeiten zur aktuellen waldbaulichen Praxis der Laubholzbehandlung. Deren Trend zeigt weg von generalisierender flächiger Behandlung hin zur Ausformung qualitativ hochwertiger, großkroniger und ungleichaltriger Einzelbaumindividuen. Sie hat ihre Wurzeln im oberholzreichen Mittelwald, wie man ihn heute noch vor allem in Frankreich finden kann.

Die Nebennutzung Waldweide wird von allen behandelten Autoren kritisch gesehen. Sie vertreten durchgehend die Ansicht, man solle den Eintrieb des Weideviehs sehr viel restriktiver handhaben, sei es räumlich (Anteile der Flächen), zeitlich (bis zu einem bestimmten Alter der Bäume) oder jahreszeitlich. Dass sie dennoch neben weiteren Nebennutzungen in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung bis ins 19. Jahrhundert hinein mit der Holzproduktion verbunden war, verstärkt das Bild einer lebendigen, veränderlichen, anspruchsvollen und damit vielgestaltigen und komplexen Mittelwaldwirtschaft.

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